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Fliegen ist nicht immer schöner

Fliegen ist nicht immer schöner«Wir machen es wie auf einem sinkenden Schiff. Frauen, Kinder, Alte und Gebrechliche dürfen zuerst in den Shuttlebus einsteigen, wenn sie nicht mehr mögen oder können.» Gelächter in der Runde der erwartungsfrohen Bikerinnen und Biker im Alter zwischen zehn und 75 Jahren, die sich um Organisator Housi Beer auf dem Platz beim Empfangsgebäude des Cicalino aufgestellt haben. Wie jeden Morgen gibt der frühere Bikemarathon-Rennfahrer und seit 31 Jahren Bikeferien- und Tourenveranstalter pünklich um 9.30 Uhr das Tagesprogramm bekannt. Diesmal steht der Höhepunkt bevor: Die Tagestour ans Meer. Je nach Leistungsgruppe sind das 70 bis 82 Kilometer mit 600 bis 1000 Höhenmetern. Distanzen, die etliche in der bunt gemischten Gruppe noch nie in ihrem Leben auf einem Mountainbike oder E-Bike zurückgelegt haben.

Was für Profi-Bikerennfahrer Oliver Zurbrügg, der die Gruppe Ferrari begleitet, ein lockeres Trainingsfährtli ist, löst bei den weniger Geübten Respekt aus. Bei seinen Renneinsätzen legt Oli oft die doppelte Distanz und fünfmal so viele Höhenmeter zurück und das erst noch im Renntempo. Auch das können sich nur ein paar Wenige vorstellen, die vorzugsweise in der Ferrari-Gruppe anzutreffen sind. Das ist die Clique mit dem höchsten Leistungsniveau. Auch ich wage es, mich zu den Ferraristis zu gesellen; als einziger E-Bike-Fahrer, was zunächst einige schräge Blicke und spitze Bemerkungen auslöst. Gewiss: Ich hätte auch ein normales Bike nehmen können. Doch ich kenne mich. Mit meinem Trainigsstand hätte ich mich in den ersten beiden Tagen derart in die Erde fahren müssen, dass die Touren fortan zur Tortouren geworden wären. Das wollte ich mir nicht antun. Schliesslich bin ich wegen aktivem Spass und Entspannung mit der Familie zu MTBeer gereist. Im Vorjahr hatte das wunderbar geklappt. Prompt war mein zehnjähriger Sohn mit dem Wunsch gekommen, man möge die Ferien in der Toskana doch bitte wiederholen – inklusive E-Bike für ihn.

Gesagt, getan. Die Anreise in 6:45 Stunden aus dem Grossraum Zürich verlief diesmal sogar noch reibungsloser wie im Vorjahr. Die Gesellschaft war diesmal mit geschätzten 50 Personen allerdings etwa doppelt so gross wie bei unserem letzten Besuch. Doch Housi und sein eingespieltes Team hatten vorgesorgt, materiell wie organisatorisch. Ein ganzer Keller voll Testbikes stand bereit. Viele wollten ein E-MTB oder ein leichtes Enduro testen, was zu einer bunten Durchmischung der Gruppen mit Bikern und E-Mountainbikern führte. Gut so. Denn im Trail spielt das gewählte Bike die kleinere Rolle als das Können. Alleine diese Erfahrung kann helfen, Vorurteile – etwa, dass E-Bikes nur etwas für alte Leute sind – abzubauen. Mein Wheeler E-Chaser jedenfalls war genau das richtige Gerät fürs ruppige Gelände. Die Tage vergingen mit Touren, Fahrtechnik-Workshop und Freeriden wie im Flug, inklusive gemeinsamem, gediegenem Nachtessen. Meine Frau Corina, die an einer Laktoseintoleranz leidet und nur noch sehr selten Fleisch isst, war hin und weg von den Spezialmenüs, die ihr zubereitet wurden.

Mitte der Woche hatte das Wetter einen Durchhänger. Die Tagestour wurde schliesslich auf den vorletzten Tag verschoben, an dem sich der Himmel wieder blau zeigte bei Temperaturen um 30 Grad – und das Mitte Oktober! Diese organisatorische Flexibilität ist nicht das einzige Markenzeichen von MTBeer: Auf den abwechslungsreichen Touren in den Anhöhen rund um das Agritourismo Il Cicalino wurde in den Vortagen eifrig an Kondition und Fahrtechnik gefeilt. Wie durch Zufall trafen sich die unterschiedlichen Leistungsgruppen unterwegs zum Kaffee. Was zufällig wirkt, ist eine Menge Erfahrung im Zeitmanagement gepaart mit profunder Streckenkenntnis der Guides. Als Gast wird man sich dessen erst bewusst, wenn man mal einen Guide erlebt hat, der sich verfahren hat. Bei MTBeer kann man sich einfach einreihen und das Fahren geniessen – so wie es sein sollte. Es blieb sogar noch genügend Raum für eigene Experimente. Beispielsweise das Befahren bzw. Befliegen von 44-Prozent-steilen, felsbesetzten Feuerschneisen. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Martin (54), Corina (40) und Vitus (10).

Bild & Text: ©Corina Venzin & Martin Platter

Montag, 22. Oktober 2018

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