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Melanie die Schreiberin

Die Schlammwoche

Melanie die SchreiberinFreitagnachmittag. Der Dreck klebt an mir und ich liege auf der kalten Erde. Ich warte. Und warte. Denn vor mir liegen noch fünf andere. Dann endlich bin ich an der Reihe, werde auf ein eisernes Podest gehoben und sehe auf meine Kollegen herunter. Doch Big-Boss Housi hat nur Augen für mich. Er drückt an mir herum, prüft meine Bremskraft, testet meine Schaltung. Ich geniesse seine Aufmerksamkeit. Doch dann wendet er sich abrupt ab, dreht den Wasserhahn auf und spritzt mich lieblos von oben bis unten ab. Klitschnass stehe ich da. Mir ist ganz kalt. Doch es wird noch schlimmer: Er holt ein Spülmittel und bürstet an all meinen Ecken und Kanten herum. Dann folgt eine Pinseltortur, es kitzelt und pickst. Doch ich kann nicht weg, bin im Ständer festgemacht. Nach einer halben Ewigkeit legt er sein quälendes Werkzeug endlich zur Seite und spült den Schaum ab. Er scheint versöhnlich und holt zwei schwarze Fläschchen Brunox hervor. «Turbo-Spray, macht alles flott» steht auf dem einen geschrieben. Ich werde eingeschmiert und besprayt. Dann endlich wird es angenehm. Mit einen Tuch wird das Schmiermittel einmassiert. Danach fühle ich mich wie neu geboren. Hoch erhoben stehe ich da, strahle und glänze, während ein Teil meiner Kollegen noch immer dreckig am Boden liegt. Doch niemand scheint meine Schönheit zu bemerken. Auch Housi nicht. Ohne mich weiter zu beachten, hebt er mich vom Podest herunter und hängt mich in einem dunklen Loch achtlos an einen Haken.

 

Samstag. Noch immer hänge ich an diesem trostlosen Ort. Meine Kollegen rechts und links von mir wurden bereits abgeholt. Ich fühle mich einsam hier und frage mich, ob etwas nicht stimmt mit mir. Sind meine Komponenten nicht gut genug? Bin ich zu wenig herausgeputzt? Zu gross? Zu klein? Zu leicht? Zu schwer? Meine drei Chefs sind längst gegangen. Es dunkelt ein. Eine von Selbstzweifel geplagte Nacht beginnt ...

 

Sonntag. Von weit weg höre ich Vogelgezwitscher. Schritte ertönen. Jemand schiebt einen Schlüssel ins Schloss. Die Werkstatttür öffnet sich, Stimmen erklingen. Zwei Frauenstimmen um genau zu sein. Sie nennen ihre Namen. Kurz darauf geht das Licht an. Mein Chef erscheint. Vielleicht ist jetzt der Moment, um aus dem dunklen Loch herauszukommen. Die grosse weite Welt zu entdecken. Doch Fehlanzeige. Housi nimmt nicht mich, sondern die grüne Kollegin Wheeler hinter mir herunter. Ich bin neidisch. Sie hat etwas, das ich nicht habe. Ich weiss nicht genau, was es ist. Doch sie wird mir ständig vorgezogen. Vielleicht weil sie blinkt? Oder weil sie beim Fahren schnurrt wie ein Kätzchen? Dabei bin ich doch viel leichter. Und besser gefedert. Komme geschmeidiger um die Ecken. Aber das scheint heute Morgen nicht zu zählen. Fast hätte ich die Hoffnung aufgegeben, aus dem feuchten Raum an die frische Luft zu kommen. Doch oh Wunder, nun kommt Housi auf mich zu. Hebt mich vom Haken, stellt mich auf den Boden und rollt mich aus der Werkstatt heraus. Das Tageslicht blendet mich. Juhui, ich kann endlich den Himmel wieder sehen. Der ist zwar voller dunkler Wolken. Aber besser als dieser nach Öl und Reifen stinkende Raum ist es hier draussen allemal. «Das sollte passen», höre ich Housi sagen. Eine Frau steigt auf und dreht eine Runde mit mir. Ich geb mir alle Mühe, mich von meiner besten Seite zu zeigen. Schliesslich will ich nicht wieder in die dunkle Werkstatt zurück.  Es klappt, die Frau bleibt sitzen und ich und fahre mit ihr zum Kiesplatz.

Zu meinem Erstaunen treffe ich dort all meine Kollegen wieder, die mir gestern noch vorgezogen worden sind. Und noch viele mehr. Schwarze, Grüne, Rote, Blaue und Gelbe. Wir werden in Gruppen aufgeteilt und bekommen Namen. Ich verstehe nicht, wieso meine zwei Kollegen ganz links Ferrari genannt werden und meine Gruppe nur Cinquecento. Die beiden Ferraris sind nämlich nicht etwa rot, sondern schwarz und blau. Ich tröste mich damit, dass Ferraris zwar schneller aber auch viel anfälliger sind und lass mich von ihnen nicht beeindrucken. Auch nicht von den Maseratis, der zweiten Gruppe. Am liebsten wäre ich eigentlich mit der vierten Gruppe mitgefahren. Ihr Gruppenname Cappuccino erscheint mir am Verheissungsvollsten. Doch ich kann nicht wählen. Meine Fahrerin bleibt hartnäckig bei der Gruppe Cinquecento stehen. Ich kann mich schon wieder nicht wehren. Auch nicht, als der Weg kurz später durch Schlamm und Pfützen führt und mich von oben bis unten mit Dreck bespritzt. Weiss die Fahrerin eigentlich, wie viel Schmerz ich am Freitag erlitten habe, um so sauber zu werden? Wohl kaum. Denn sie fährt unbeeindruckt fast vier Stunden lang so weiter. Bergauf, bergab, über Stock und Stein, ja sogar durch Bäche. Mein schönes Blau ist kaum mehr zu erkennen, meine Bremse quitscht und ich fühle mich dreckig und durchnässt. Dann endlich steigt sie ab. Doch oh Schreck. Auch sie greift zum Schlauch und spritzt mich einfach ab. Doch es geht mir immerhin besser als meinem gelben Kollegen Norco. Dessen Fahrer holt doch tatsächlich noch Bürste und Pinsel hervor und putzt ihn blitz blank. Das lässt meine Fahrerin zum Glück sein und stellt mich in einen Veloraum. Ich ruhe mich aus, höre dem herabprasselnden Regen zu und warte, bis ich am nächsten Morgen wieder herausgeholt werde.

 

Montag bis Donnerstag geht das so weiter. Es kommt mir vor, als hätten die Fahrer Freude daran, uns möglichst dreckig zu machen. Kein Schlammloch wird ausgelassen, kein Bach umfahren. Überall wird drübergebrettert. Selbst bei sintflutartigem Regen fahren sie einfach weiter.

Einmal werde ich Zeugin, wie die azurblaue Kollegin Bold einfach weggeworfen wird. Wirklich! In einer Kurve lässt ihre hübsche Fahrerin sie einfach fallen. In hohem Bogen landet sie im Gebüsch. Und anstatt sich dann um Bold zu kümmern, lassen die Fahrer sie einfach liegen und laufen zur Fahrerin, die auch am Boden liegt. Erst nach einer Weile heben sie auch meine Kollegin auf. Doch sie wird nicht nach ihrem Wohlbefinden gefragt. Sie muss gleich wieder weiterfahren.

Auch meine eigene Fahrerin verhält sich manchmal seltsam. Sie bleibt immer im Sattel sitzen. Egal ob ein Hindernis kommt oder es bergab geht, sie erhebt sich einfach nicht vom Sattel. Erst seit sie hinter der Fahrerin von Scott herfahren kann, erhebt sie sich ab und zu. Meistens vergisst sie es aber. Zum Glück erinnert sie der grüne Scott-Fahrer hinter ihr daran, dass sie sich bewegen kann und nicht ständig stillsitzen soll.

Ich habe gehofft, einmal ans Meer oder sogar zur Insel Elba zu fahren. Dort war ich nämlich noch nie. Doch dieser hartnäckige Regen, der schon für die vielen Pfützen und den Schlamm verantwortlich ist,  machte mir auch diese Freude kaputt. 

 

Der Freitag ist der einzige Tag, an dem er sich einen Tag lang zurückhält. Ich habe schon gehofft, dass ich nun endlich mein schönes blaues Kleid behalten kann. Doch weit gefehlt. Unsere Fahrer suchen auch heute Pfützen und Schlammlöcher, die sie durchqueren können. Mein schönes Blau wird schon wieder von braunem Schlamm überdeckt. Nicht nur das Wetter, auch sonst ist etwas anders als sonst. Meine Fahrerin spritzt mich heute nur ganz kurz ab. Statt mich danach wie an den anderen Tagen in den Veloraum zurück zu stellen, fährt sie mit mir zur Werkstatt. Sie legt mich zwischen meine Kollegen auf die Erde und läuft einfach davon. Dann sehe ich Housi, Fräne und Fritz mit ihren Folter-Werkzeugen auf uns zukommen. Sie heben Kollege Bixs aufs Podest und spritzen ihn ab. Ohh nein, nicht schon wieder!

Sonntag, 13. Mai 2018